Martin Radelfinger

Präsident IAB Switzerland

Die jüngsten Reaktionen auf künstliche Intelligenz an amerikanischen Universitäten haben mich an eine Diskussion erinnert, die mich bereits während meines Studiums beschäftigt hat: die Frage des technologischen Determinismus. Damals stand unter anderem die Ludditenbewegung des frühen 19. Jahrhunderts im Zentrum. Die Ludditen gelten bis heute oft als Symbol technikfeindlicher Rückständigkeit. Tatsächlich richtete sich ihr Widerstand jedoch weniger gegen Maschinen selbst als gegen die gesellschaftlichen Folgen eines technologischen Wandels, der bestehende Arbeitsmodelle, soziale Sicherheit und Machtverhältnisse grundlegend veränderte.

Genau diese Parallelen werden heute im Umgang mit AI sichtbar.

Der Auslöser für diese Gedanken war ein Beitrag der The New York Times über die Reaktionen amerikanischer Studierender auf Aussagen von Eric Schmidt. Als Schmidt erklärte, dass AI künftig praktisch alle Arbeitsbereiche verändern werde, reagierten Absolventinnen und Absolventen mit Buhrufen. Ähnliche Szenen ereigneten sich an anderen Universitäten. Bemerkenswert ist dabei die emotionale Intensität der Ablehnung. AI wird von Teilen der Generation Z nicht als Fortschrittsversprechen wahrgenommen, sondern als Ausdruck wachsender Unsicherheit und gesellschaftlicher Ohnmacht.

Diese Wahrnehmung unterscheidet sich deutlich von der gesellschaftlichen Stimmung während der frühen Phase des World Wide Web. In den 1990er-Jahren war das Internet für viele mit einer positiven Vorstellung von Offenheit und Demokratisierung verbunden. Die neue digitale Infrastruktur versprach breiteren Zugang zu Information und neue Möglichkeiten gesellschaftlicher Teilhabe. Technologie stand damals für Aufbruch und Selbstermächtigung.

Die Diskussion rund um AI entwickelt sich heute in eine andere Richtung. Viele junge Menschen erleben digitale Technologien nicht mehr als Instrument gesellschaftlicher Öffnung. Stattdessen entsteht der Eindruck einer zunehmenden Konzentration technologischer und wirtschaftlicher Macht bei wenigen globalen Plattformunternehmen. Verstärkt wird dieses Gefühl durch die sichtbare politische Einflussnahme grosser Technologieunternehmen und ihrer Eigentümer. Milliardeninvestitionen in Lobbying, direkte Nähe zu politischen Entscheidungsträgern und die öffentliche Demonstration wirtschaftlicher Dominanz wirken auf viele Angehörige der Generation Z zunehmend abstossend. Gerade für eine Generation, die als Digital Natives mit Plattformen und sozialen Netzwerken aufgewachsen ist, scheint die ursprüngliche Euphorie der digitalen Transformation einer deutlich kritischeren Sicht gewichen zu sein.

Die Sorge betrifft dabei nicht nur mögliche Arbeitsplatzverluste. AI greift zunehmend in Informationssysteme und gesellschaftliche Entscheidungsprozesse ein. Unternehmen kommunizieren offen über Rationalisierungspotenziale. Bewerbungsprozesse werden algorithmisch gesteuert. Plattformen kontrollieren Sichtbarkeit und Zugang zu Wissen in einem bisher kaum bekannten Ausmass.

Diese kritische Haltung nehme ich auch im persönlichen Umfeld wahr. Unser Sohn, der selbst zur Generation Z gehört, begegnet AI deutlich skeptischer als frühere Generationen digitalen Technologien begegnet sind. Gerade die permanente Nähe zu Plattformen und datengetriebenen Geschäftsmodellen scheint das Vertrauen nicht gestärkt, sondern teilweise geschwächt zu haben.

Die gesellschaftliche Akzeptanz von AI wird deshalb weniger von der technologischen Leistungsfähigkeit abhängen als von der Frage, unter welchen Rahmenbedingungen diese Systeme eingesetzt werden. Zu einem verantwortungsvollen Umgang mit AI gehört auch die langfristige Finanzierung des Open Web. Qualitätsjournalismus und unabhängige digitale Inhalte bilden die Grundlage jener offenen Wissensinfrastruktur, auf der generative AI-Systeme heute aufbauen. Damit verbunden ist zwangsläufig die Frage nach einem angemessenen Schutz geistigen Eigentums und fairen Wertschöpfungsmodellen zwischen Plattformen, AI-Anbietern, Publishern und Kreativen.

Hinzu kommt eine weitere systemimmanente Herausforderung. Die Entwicklung von AI verläuft exponentiell. Gesetzgebungs- und Regulierungsprozesse bewegen sich dagegen in einer tektonischen Geschwindigkeit. Demokratische Systeme geraten dadurch zunehmend unter Druck, weil technologische Entwicklungen schneller voranschreiten als gesellschaftliche und politische Anpassungsmechanismen.

Genau hier liegt auch die Rolle von IAB Switzerland. Die digitale Werbe- und Kommunikationsbranche steht vor der Aufgabe, die Entwicklung von AI nicht nur technologisch, sondern auch gesellschaftlich verantwortungsvoll zu begleiten. Dazu gehört die Entwicklung transparenter Standards ebenso wie die Unterstützung nachvollziehbarer Marktmechanismen und tragfähiger regulatorischer Rahmenbedingungen. Ebenso zentral bleibt der Erhalt eines wirtschaftlich funktionierenden Open Web als Grundlage für Vielfalt, Innovation und demokratischen Diskurs im digitalen Raum. Nur wenn technologische Entwicklung mit gesellschaftlichem Vertrauen verbunden bleibt, wird AI langfristig Akzeptanz finden.

Aktueller Artikel der «New York Times» zum Thema

Offenlegung:

Google, Schweizer Publisher, Agenturen und Werbeauftraggeber, sowie internationale Daten- und Technologieanbieter sind Mitglieder der IAB Switzerland.

Das Beitragsbild wurde mit AI generiert.